Die “Totmacher” sind wieder zugange – Drückjagden auf Wildschweine und Rehe

Ob in meiner Heimat am Westerberg zwischen Ingelheim, Gau-Algesheim, Appenheim und Groß-Winternheim, oder in Ihrer Region, jetzt finden wieder verstärkt Drückjagden auf Schwarzwild (Wildschweine) statt, hier und da sogar auf Rehe. Die Drückjagd ist eine Bewegungsjagd, bei welcher etliche Treiber mit ihren Hunden das Wild aufscheuchen und den Jägern vor die Büchsen “drücken”. Ziel ist es, möglichst viele Wildschweine zu töten.

Durch den Einsatz der Treiber und von Hunden flüchtet das Wild häufig in Panik. Gezielte und tödliche Schüsse sind dabei gemäß diverser Veröffentlichungen zu dem Thema eher die Ausnahme. Nicht nur weil die Tiere hochflüchtig sind, sondern auch weil viele Jäger keine ausreichend gute Schießpraxis haben und das Schießvermögen auch oft keiner regelmäßigen Prüfung unterzogen wird. Bei vielen Drückjagden werden im Vorfeld vom Jagdleiter nicht einmal Nachweise zur Schießfertigkeit angefordert.

Im Sonderdruck “Wildbrethygiene” (Januar 2008) des Deutschen Landwirtschaftsverlages beschreibt der Verfasser Dipl.-Vet. Med Stefan Suhrke, dass Untersuchungen ergeben haben, dass bei Bewegungsjagden nur 25 – 30 % des Wildes durch Blattschuss erlegt werden. Das bestätigt auch die TVT – Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz: “Ist das Wild in Bewegung sind tödliche Treffer viel schwieriger als bei stehendem Wild anzubringen. … So wurde bei Drückjagden auf Schwarzwild (Anm. Red.: Wildschweine) in Hessen nur etwa ein Drittel mit Blattschuss erlegt, der Rest der Strecke wies Waidwund-, Keulen- oder Laufschüsse auf (Anm. Red.: Bauchschüsse, Rückenverletzungen, Schüsse in Gliedmaßen u.a.). Rehwild wies bei etwa 30 % der männlichen und 60 % der weiblichen Tiere Bauchschüsse auf (Krug, unveröffentlicht).”

Viele Jäger trauen sich in diesen Fällen nicht einmal, einen Fehlschuss ihren Jagdkollegen zu gestehen mit der Folge, dass eine Nachsuche nach dem verletzten Tier nicht stattfindet. Selbst wenn der Fehlschuss eingestanden wird, findet eine unverzügliche Nachsuche, wie sie das Gesetz fordert, aufgrund des Organisationsablaufs einer Bewegungsjagd in den seltensten Fällen unverzüglich statt, so dass viele Tiere entweder nach Stunden oder Tagen leidvoll verenden oder ihr weiteres Leben als Krüppel fristen.

Auch ist es dem Gesetz nach verboten, Wild jeder Art zu beunruhigen. Und das gilt auch für Jäger. Aber genau das passiert hier. Nicht nur Schwarzwild – alle Tiere des Waldes, ob Rehe mit ihren Kitzen (auch im Dezember noch!), Federwild (Rebhühner, Fasanen), Wildvögel oder Füchse werden unter erheblichen Stress gesetzt und geraten häufig in Panik. (An-)geschossen wird oft alles, was nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Nicht selten werden Jungtieren ihre Eltern weggeschossen.

Kritiker dieser Art zu jagen, darunter zunehmend aus den Reihen der Jäger, vertreten wie wir die Meinung, dass diese Jagdform weder “waidgerecht” noch tierschutzrechtlich tragbar ist. Selbst die auflagenstarke Jägerzeitschrift “Wild und Hund” bezeichnet revierübergreifende Bewegungsjagden als “Totmacher” und spricht in diesem Zusammenhang von “Jagd-Event” und “Schande”.

Die gleiche Zeitschrift zitierte bereits 2002 den bekanntesten deutschen Wildschweinkenner und Jäger Norbert Happ: “Die Nachwuchsschwemme ist hausgemacht”. Für die explosionsartige Vermehrung der Wildschweine seien die Jäger selbst verantwortlich: “Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand mit unkoordiniertem Frischen und Rauschen und unkontrollierbarer Kindervermehrung sind ausschließlich der Jagdausübung anzulasten”, so Happ.

Wissenschaftler verweisen seit Jahren darauf. Anhand einer im renommierten “Journal of Animal Ecology” veröffentlichten Langzeitstudie (2009, S.1278-1290), die auf zahlreiche weitere universitäre Arbeiten und Untersuchungen Bezug nimmt, wird wissenschaftlich belegt, dass der hohe Jagddruck hauptverantwortlich für die hohe Wildschweinpopulation ist. Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, insbesondere auf erfahrene Bachen, umso stärker vermehren sie sich.

Wildtierschutz Deutschland e.V.
Lovis Kauertz
Am Goldberg 5 5

55435 Gau-Algesheim
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E-Mail: info@wildtierschutz-deutschland.de
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